Bissinger-Blog

20. Dezember 2013

Lisbeth und der „Seichhafe“

Nachttopf, Pisspott, im Elsässischen auch „Pottschamber“: So hieß früher das Gefäß, das in Haushalten ohne eingebautes WC seinen Platz unterm Bett hatte. Und das waren in den Fünfzigern auf dem Lande noch die meisten Haushalte.

Im Badischen hat der Topf noch einen anderen Namen. Und warum der für Erheiterung in einem Offenburger Traditionsgeschäft gesorgt hat, das kommt in dieser Geschichte vor (einer Geschichte zur Geschichte sozusagen):

Die Mittelbadische Presse hat an den vier Donnerstagen vor Weihnachten je eine dicke Beilage in die Tageszeitung gepackt: Einkaufen in Offenburg.

 

Auch Offenburger SchriftstellerInnen bekamen hier Raum, eine exklusive Geschichte für die geneigte Leserschaft des Blattes zu erzählen.

Ich wurde ebenfalls gefragt. Welche Freude!

Mittelbadische Presse, 5.Dezember 2013

Mittelbadische Presse, 5.Dezember 2013

Da habe ich mir doch flugs eine Lisbeth ausgedacht, die ein bisschen shoppen geht und dabei in ihren Erinnerungen kramt.

Am 5. Dezember erschien der Text in der Beilage der Zeitung.

Lustig: Was sie über die alten Läden zu erzählen weiß, ähnelt frappierend dem Inhalt meines nächsten Buches „Läden und Leute“!  😉

Hier ist der Text nochmal im Original:

Lisbeths Geschichten von Läden und Leuten

Immer am zweiten Adventssamstag geht Oma Lisbeth in die Stadt und kauft für Weihnachten ein: Geschenke, aber auch dies und das für die Küche und für die Gemütlichkeit. Eine Tradition, durch nichts gebrochen werden kann. Dabei sind die Einkäufe eigentlich Nebensache. Denn jeder, der Lisbeth einmal begleitet hat bei ihrer Reise in die Stadt – ja, den Vorbereitungen nach ist es eine Reise; sie legt schon am Vorabend die Kleider zurecht, sie stellt den Wecker auf halb sieben, putzt sich heraus wie zum Kirchgang, bewaffnet sich mit Korb, Taschen, Regenschirm und steht überpünktlich an der Bushaltestelle – jeder, der dabei war, weiß: Genauso wichtig wie die Einkäufe sind die Geschichten, die Lisbeth über die Läden und ihre Inhaber zu erzählen weiß. Und deshalb ist ihre Begleitperson, sei es die Nichte, der Enkel oder die Schwiegertochter, weit mehr als ein „Packesel“, sondern in erster Linie ein Zuhörer. Widerspruch hat es noch nie gegeben, denn insgeheim liebt die ganze Familie den Schatz ihrer Anekdoten, die pure Offenburger Stadtgeschichte sind.

An der evangelischen Stadtkirche hält der Bus. Lisbeth steigt aus, nickt dem Fahrer noch einmal huldvoll zu, rückt ihr Hütchen zurecht und marschiert los. Gleichzeitig fängt sie an zu reden. „Hier war früher Geisser Porzellan“, sagt sie und zeigt nach rechts. „Da haben schon meine Eltern eingekauft. Ihr erstes Porzellanservice, das ich heute noch habe!“ Man erinnert sich an das feine Geschirr, das Lisbeth nur zu Weihnachten aus dem Schrank holt. Unvermittelt beginnt sie zu kichern. „Früher gab es dort auch Nachttöpfe“, erklärt sie. „Ich war dabei, als eine Frau dort einen solchen ‚Pottschamber’ verlangte. Sie wollte sich wohl vornehm ausdrücken. Man hat sie aber nicht gleich verstanden. Da hat sie die Geduld verloren: „Herrgott, ä Seichhafe bruch ich!“

Lisbeth ist immer noch erheitert, als sie bei Sport Grimm ins Schaufenster guckt. „Der Oli Grimm, bei dem hat die halbe Stadt Skifahren gelernt!“ Weiter geht es die Hauptstraße hinunter. Lisbeth weist nach rechts und links, keine Stadtführerin könnte es besser. Zu jedem Traditionsgeschäft hat sie eine Anekdote parat. „Weißt du, warum der Edy Weber früher Keller-Weber hieß?“ fragt sie und deutet auf die Parfümerie, die einst Friseurgeschäft war. „Das erzähl’ ich dir nachher beim Kaffee. Aber eins musst du wissen: Wer etwas auf sich hielt, der hat sich dort frisieren lassen!“

Beim Kaufhaus „Spinner“, das sie immer noch so nennt, obwohl es längst anders heißt, biegt sie rechts ab, weil sie „beim Bieser“ einen Tischläufer für Weihnachten kaufen will. „Der Herbert Bieser hat alle besseren Offenburger Häuser eingerichtet“, weiß sie. Wieder kommt ein Kichern: „Seine Frau hat mal gesagt, mein Mann kennt die meisten Schlafzimmer der Stadt!“ Weiter führt der Weg über die Kreuzkirchstraße Richtung „Keilbach“ – das ist und bleibt für Lisbeth der Name des Gebäudes. Unvermittelt bleibt sie stehen. „Hier war der Schirm Staib“, deutet sie nach links. Ihr Zeigefinger sticht belehrend in die Luft. „Dort konnte man die Schirme auch reparieren lassen. Dann hielten die ein Leben lang. Heute schmeißt man sie einfach weg!“ Kopfschüttelnd setzt sie ihren Weg fort.

Schnurstracks geht es über die Hauptstraße, weil sie im Sanitätshaus Link ein warmes Unterhemd für ihre Freundin kaufen will. Auch hier wird sie plötzlich heiter: „Da haben sie früher ein Gerät verkauft, das nannten sie nur ‚das Adalbertle’!“ Warum, will sie partout nicht verraten, es sei ihr zu peinlich. Sie verrät nur: „Ein vierjähriger Bub ist schuld daran.“

Jetzt geht es zum Marktplatz, wo wie jedes Jahr der beleuchtete Weihnachtsbaum andächtig bewundert wird, bevor Lisbeth zur Steinstraße strebt. Beim Juwelier Stickel kauft sie Ohrringe für ihre Enkelin und plaudert mit den Inhabern, die sie schon als kleine Buben kannte. Durch die festliche geschmückte Fußgängerzone geht es dann noch zur Reinigung „Plank“ am Lindenplatz. Dort hat Lisbeth ihr Tischleinen für die Feiertage reinigen lassen. „Weißt du, dass dies der älteste Familienbetrieb der ganzen Stadt ist?“ fragt sie. „Komm, ich erzähl dir, wie sie dort früher gearbeitet haben.“ Sie steuert ein Café an. Zwei Stunden später geht es wieder nach Hause. Der „Packesel“ eilt mit seinen Tüten und Taschen hinter Lisbeth her. Sie werden ihm nicht schwer, denn er fühlt sich schon jetzt reich beschenkt: Mit Geschichten von Läden und Leuten – Geschichten, die unsere Stadt lebendig machen.

Also, ihr Lieben: Fröhliches Geschenkeshoppen! Und schönen Gruß an Lisbeth, falls ihr sie trefft.

 

Bissinger-Blog, Bücher & Geschichten, Läden & Leute, Lokaljournalismus, Offenburg