Reportage „Aids“

Welt-Aidstag am 1. Dezember/ 30 Jahre Entdeckung des HIV-Virus

Erschienen in der Badischen Zeitung am 30.11.2013

Stefanie K., 53, hat Aids. Dem Tod ist sie mehr als einmal von der Schippe gesprungen. Dass sie harte Zeiten hinter sich hat, sieht man ihr an. Dennoch ist ihr Lebenswille ungebrochen. Und sie macht etwas aus ihrem Leben. Zum Beispiel Prävention in Schulklassen.

„Das Sterbehospiz war für mich das Sprungbrett ins Leben“

Küche

Es ist totenstill, während sie spricht. Dann kommen ganz ernst die Fragen: „Kommen Sie aus Berlin?“ „Wie haben Sie sich angesteckt?“ „Haben Sie einen Lebenspartner?“ In der neunten Klasse einer Hauptschule im Ortenaukreis steht heute Aidsprävention auf dem Stundenplan. Und Stefanie, seit 24 Jahren HIV-positiv, steht Rede und Antwort.

Ihre Arme sind vernarbt, auch die Beine, obwohl man die nicht sieht. Sie hat sich so oft Nadeln hineingestochen, dass kein Arzt mehr eine Vene findet. Auch die Lymphgefäße hat sie sich so kaputtgemacht. Deshalb hat sie schnell Wasser in den Beinen, wenn sie länger steht oder sitzt. Wenn es im Sommer sehr heiß ist, macht ihr das ebenfalls zu schaffen. Ihre Stimme klingt verwaschen, und sie kann nur langsam und unsicher gehen – Folgen einer Toxoplasmose. Die vielen Medikamente, die sie täglich nehmen muss, bescherten ihr schon ein Magengeschwür, eines davon verursacht Osteoporose. Daher sind ihre Knochen so morsch, dass sie sich vor einigen Jahren dreifach die Hüfte brach – im Schlaf. Ein Magengeschwür Aber ihre Augen blicken voller Lebenslust, sie hat einen feinen Humor, und ihr Lachen ist ansteckend.

Nein, sie kommt nicht aus Berlin, sondern aus einem Dorf ganz in der Nähe. Sie war mal ein Mädchen ganz ähnlich wie die, die jetzt vor ihr sitzen. Angesteckt hat sie sich durch eine Spritze. Und eine Beziehung hat sie nicht. Sie erzählt sehr offen von der Schwierigkeit, einen Partner zu finden, wenn man Aids hat. Wie es war, als sich zwischen ihr und einem Mann etwas anbahnte und er mit ihr schlafen wollte. Wie sie sich weigerte, weil er kein Kondom benutzen wollte. Wie schwer sie sich damit tat, ihm dann die Wahrheit über ihre Infektion zu sagen. Wie hart es war, als er dann sagte: Ich habe Angst. Und ging. Sie erzählt von ihrer Trauer darüber.

Es gab wohl noch nie eine Unterrichtseinheit, in der die Schülerinnen so aufmerksam waren. Mucksmäuschenstill sitzen sie da. Und sie begegnen der Frau, die heute als warnendes Beispiel vor ihnen sitzt, vorurteilsfrei. Bei einigen von ihnen äußert sich die Bedrückung über Stefanies Schicksal in rührend lösungsorientierten Fragen: „Kann man nicht einfach das Blut austauschen? Und den Menschen dabei einfrieren?“ „Kann man nicht die Helferzellen stärker machen?“ Sie haben verstanden, was Stefanies Begleiter von der Aidshilfe Offenburg vorher erklärt hat: Blut ist eine der Körperflüssigkeiten, durch die das Virus übertragen werden kann, und dieses befällt vor allem Helferzellen, die für die Abwehr von Krankheiten zuständig sind.

Warum haben Sie Drogen genommen?“ will einer wissen, und Stefanie kann die Frage wie immer nicht richtig beantworten. Wie gut, dass der Schüler das gar nicht nachvollziehen kann: Diesen unerklärlichen Drang, sich zu betäuben. Die Unfähigkeit, die Welt, wie sie ist, zu ertragen. Das Selbstzerstörerische. Sie antwortet, sie sei jung und neugierig gewesen und habe eine schwere Zeit gehabt.

Stef3Jahre

Die Mutter war Hausfrau, der Vater Arbeiter, Stefanie hatte drei ältere Geschwister. „Ich war schon immer anders, irgendwie rebellisch“, sagt sie. Den Kindergarten habe sie früher verlassen müssen, weil man dort nicht mehr mit ihr fertiggeworden sei. In der Schule: Stefanie war Wortführerin, Stefanie dachte sich die Streiche aus. „Die hat Hummeln unterm Hintern“, hieß es. Mit 14, 15 war es ihr im Dorf zu langweilig. Da fing sie an, im nächstgrößeren Nachbarort mit ihren neuen Freunden Haschisch zu rauchen. Eine Lehre als Modezeichnerin oder Dekorateurin, das wäre es gewesen – aber es gab keine Stellen. Also fing sie als Azubi im Friseursalon an. Spaß machte das nicht. So ging die Gesellenprüfung in die Hosen, weil sie lieber kiffte, als Perücken zu knüpfen.

Bald fuhr sie zum ersten Mal nach Berlin, um die Provinz mal hinter sich zu lassen. Da fing sie an zu drücken, mit 15. Weil sie es unbedingt wollte. „Da muss was dran sein“, war sie überzeugt. Obwohl sie sich nicht einmal traute, sich den ersten Schuss selbst zu setzen, obwohl ihr dann, als ein Erfahrener ihr die Nadel in den Arm gejagt hatte, so schlecht wurde, dass sie sich mehrmals übergeben musste. Trotzdem tat sie es einige Wochen später wieder. Sie winkt ab, sie weiß, wie paradox das klingt. Die Sehnsucht nach dem Rausch. „Einem Drogi müsste ich diesen Widerspruch nicht erklären“, sagt sie.

Immer wieder wurde sie eingeladen zu einem Schuss. Sie hätte sich die Droge sonst nicht oft leisten können. Bald war sie süchtig.

Sie war oft mit Dealern zusammen, musste deshalb nie selber dealen oder anschaffen gehen. Dafür aber einen hohen Preis zahlen: Einer ihrer Partner schlug sie täglich grün und blau. Als sie floh, holte er sie mit Gewalt zurück – sogar aus der Wohnung von Bekannten. Vor ihm hatte sie Todesangst. Erst als er wegen eines anderen Delikts verhaftet wurde, sah sie ihre Chance: Sie sagte gegen ihn aus. „Ich bringe dich um!“, drohte er, und sie wusste, dass er es ernst meinte. „Noch monatelang versteckte ich mich, wohnte anonym.“

Dem Tod von der Schippe gesprungen, die Erste.

Längst war sie in Berlin zu Hause. Die Heimat im Schwarzwald war ein Rückzugsort, den sie hin und wieder besuchte, wenn alles zu viel wurde. „Hier war ich immer halbwegs clean“, sagt sie. Doch immer wieder ging es zurück in die Hauptstadt. Elf Jahre lang. Elf Jahre, von denen sie insgesamt vier im Gefängnis verbrachte – weil sie mit Drogen gehandelt hatte.

Eines Tages hatte sie einen Abszess in der Handfläche. Aber was ist schon ein Abszess, wenn man jeden Tag zusehen muss, wo der nächste Schuss herkommt? „Außerdem hatte ich keine Schmerzen, weil ich ständig zugedröhnt war.“ Eine Freundin überredete sie, die Wunde mal im Krankenhaus anschauen zu lassen. Dort behielten sie Stefanie gleich ein paar Tage. Und fanden heraus, dass sie positiv ist.

Das hätte die Wende sein können. Aber Stefanie war noch nicht fertig mit den Drogen. „Die Diagnose war natürlich ein Schock. Ich hätte jetzt einen Entzug machen sollen, mich in Behandlung begeben. Aber ich fragte mich: wozu? Ich hatte so gar keine Pläne, keine Perspektive.“ Und sie dachte: Was nutzt es, clean zu werden, wenn ich eh sterbe? So rief sie einen alten Dealer an, ließ sich mehrere Packungen Schlaftabletten in die Klinik bringen und nahm alle auf einmal. Vergeblich: Das Klinikpersonal merkte was, man pumpte ihr den Magen aus.

Dem Tod von der Schippe gesprungen, die Zweite.

Die nächste Station in Stefanies Leben war die geschlossene Psychiatrie.

Wieder war es ihre zweitälteste Schwester, die ihr Mut zusprach: „Das schaffen wir jetzt auch noch.“ Schon Jahre zuvor hatte sie sie beim Entzug begleitet, der immer nur ein paar Tage anhielt. Jetzt ging sie wieder mit Stefanie zur Drogenberatung, diesmal in Berlin. Dort hieß es: „Auf keinen Fall raus, gleich in eine Übergangseinrichtung.“ Dort können Süchtige nach dem körperlichen Entzug drei Monate lang mit Sozialarbeitern zusammen wohnen und sich um einen Therapieplatz bewerben. Auf der Straße ist so etwas schließlich schlecht zu schaffen.

Stefanie bekam einen Therapieplatz in Hamburg. „Dort habe ich viel gelernt“, sagt sie. Das Leben aushalten, ohne Drogen. Das Leben organisieren. In der Nachsorgegruppe dann schließlich: Sich nach außen orientieren, Arbeit suchen.

Stefanie fand eine eigene Wohnung in Hamburg. Sie schien es geschafft zu haben. Alles wendete sich zum Guten. Ihr Freund zog zu ihr, sie hatte ihn in der Wohngruppe kennen gelernt. Sie holte das „normale Leben“ nach: Realschulabschluss und Fachhochschulreife. Dann begann sie Sozialpädagogik zu studieren. Und wieder zu malen, ein Hobby aus Jugendtagen. „Das war eine sehr gute, kreative Zeit. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie gut ich bin, welche Energien ich freisetzen kann.“ Ihre Krankheit blendeten beide total aus: „Ich wollte immer die Starke sein.“

StefanieAusstellung

Sie lebten ein kleines Leben mit den üblichen Schwierigkeiten: Geldsorgen und die tägliche Lebensbewältigung.

Für ihn war das auf die Dauer zu viel. Er fing wieder an zu drücken, heimlich, im Keller. Sie fand das Spritzbesteck. „Ich hab ihn zur Sau gemacht. Und kapiert: Meinen Traum vom Studieren und Arbeiten hat er schon lange nicht mehr geteilt.“ Trotzdem blieb sie mit ihm zusammen. Und akzeptierte damit, dass die Droge wieder in ihrer Welt war. Es war ein Doppelleben: „In der Schule lebte ich in der cleanen Welt, zu Hause ging bald der Dealer ein und aus.“ Von da an war der Weg nicht mehr weit zum Gedanken: „Ich brauch jetzt auch mal wieder den Kopf zu.“

Sie drückte wieder, gab das Studium auf. Und dann wurde sie wirklich krank. Der Arzt stellte Hepatitis C fest, später auch eine Leberzirrhose. Tagelang konnte sie die Wohnung nicht verlassen, sah aus „wie eine Leiche“.

Die Jahrtausendwende feierten sie trotzdem mit reichlich Koks: „Weil wir noch da sind!“ Endzeitstimmung. Einige Monate später konnten sie die Miete nicht mehr bezahlen, wurden zwangsgeräumt, landeten in der Notunterkunft. Stefanie wurde immer kränker.

Die Wende kam mit dem 11. September 2001. Ihr Freund starrte den ganzen Tag in den Fernseher, wie alle, die vom Anschlag auf die Zwillingstürme in Bann gehalten wurden. Doch Stefanie ertrug das nicht. „Mach die Glotze aus, mir ist dieser Anschlag scheißegal, ich hab Migräne!“ Als er sie ignorierte, rastete irgendetwas in ihr aus. Sie fuhr zum Bahnhof, besorgte sich Crack und rauchte nicht nur eine, sondern mehr als fünf Pfeifen davon, kurz hintereinander.

Als sie wieder aufwachte, sah sie als erstes einen kleinen Engel aus Ton. Was für ein friedlicher Anblick! Er stand auf ihrem Nachttisch, sie war im Krankenhaus. Nur langsam begriff sie, dass sie mitten in einem Alptraum war: Sie konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr laufen, sich kaum noch bewegen. Man hatte sie nach ihrem völligen Zusammenbruch am Bahnhof in ein künstliches Koma versetzt. Sonst wäre sie wohl sofort gestorben. Doch auch im Koma rechneten alle damit, dass sie es nicht schaffen würde.

Ihre Familie war dagewesen, um sich von ihr zu verabschieden. Ihre Schwester hatte ihr den Engel auf den Nachttisch gestellt. Vier Wochen schwebte sie im Zwischenreich. Sie träumte von drei Frauen in weißen Gewändern, die im Feuer tanzten. Eine davon wollte auch sie ins Feuer locken. Sie schrak zurück. Doch sie ging doch hinein. „Es tat gut!“ erinnert sie sich. Und dann wachte sie wieder auf.

Dem Tod von der Schippe gesprungen, die Dritte.

Ihr Gehirn spielte verrückt. Die Erinnerungen an sich selbst kamen nur langsam zurück. Wenn jemand sie ansprach, staunte ihr Bewusstsein: „Ach so, ich bin die Stefanie.“

Aber der Lebenswille, der kehrte mit Macht zurück. Bei den Reaktionstests am Computer entwickelte sie sehr schnell enormen Ehrgeiz, wollte so gut wie möglich abschneiden. Auch in der Ergotherapie kam ihr altes Temperament zum Vorschein: Sie wollte keine Körbe flechten, sondern malen, verdammt. Laufen lernen, sprechen üben, alles sollte jetzt bitteschön ganz schnell gehen. Hatte sie tagsüber keine Kraft, einen Fuß vor den anderen zu setzen, so übte sie nachts allein auf der Treppe in der Rehaklinik.

Und doch war sie noch lange nicht über den Berg, hätte jederzeit an einer kleinen Infektion sterben können. Keiner wusste, wie weit und wie lange es mit Stefanie aufwärts gehen würde. Wieder war es die Schwester, die den Weg ebnete: In einem Aidshospiz im Schwarzwald hatte sie einen Platz erfragt. Die erschrak: Hospiz, da geht man doch zum Sterben hin?

Auch die Ärzte waren geteilter Meinung. Aber da niemand eine bessere Idee hatte, zog Stefanie 2002 dort ein. Im Rollstuhl.

In ihrem Zimmer hörte sie den Bach vorm Haus rauschen. Stefanie hätte lieber ein bisschen Lärm gehabt: „Diese heile Welt machte mich total nervös.“ Sie lebte sich schnell ein, war aber auch häufig deprimiert, weil natürlich immer wieder Leute starben. Da wurde ihr endgültig bewusst: „Ich will leben!“

Jetzt war sie endlich fertig mit den Drogen. Auch ihr Geist war fertig damit.

Sie rappelte sich auf, wurde immer selbstständiger, bald konnten die Verwandten sie übers Wochenende holen, die Entlassung rückte in greifbare Nähe. So konnte Stefanie den ungewöhnlichen Satz sagen: „Das Sterbehospiz war für mich das Sprungbrett ins Leben.“

Heute lebt sie allein in einer kleinen Wohnung. Auf der Fensterbank in der Küche, neben den Tabletten-Behältern, sitzt eine ganze Sammlung von Aidshilfe-Teddybärchen. Jedes Jahr wird zum Welt-Aidstag ein anderes dieser Plüschtierchen mit der roten Schleife verkauft. „Das ist Henry“, stellt Stefanie einen davon vor. Henry war ihr bester Freund in Hamburg. Er ist tot.

Bären

Das Bärchen mit dem grünen Pullover, das sei sie selbst, sagt Stefanie.

Die Wohnung ist gemütlich, im Wohn-Schlafzimmer nimmt der Maltisch viel Platz ein. Der kleine Engel aus Ton steht neben dem Sofa. Sie lebt bescheiden von Hartz IV, aber sie kommt zurecht, ist zufrieden. Ja, sie muss mit der Krankheit leben, muss täglich ein Dutzend Tabletten nehmen. Mit all dem kommt sie zurecht. Was sie schlimm findet, ist die Ausgrenzung des Themas HIV und der Aidskranken von seiten der Gesellschaft. „Wir dürfen Prävention machen, ansonsten sollen wir nicht in Erscheinung treten“, sagt sie, zum ersten Mal erregt. „Die Aidshilfevereine tun so viel Wichtiges, und keiner honoriert das.“ Wie die meisten gemeinnützigen Vereine, die sich um „dunkle“ Themen wie Krankheit, Missbrauch oder Gewalt kümmern, haben sie permanent zu wenig Geld, während jeder Sport- und Gesangsverein gern gefördert werde. Das regt sie auf, das verletzt sie.

In der Aidshilfe ihrer Stadt fand sie Unterstützung, Freunde und ein Stück Lebenssinn: Sie wurde in den Vorstand gewählt, und bald war sie bereit, mit ihrer Krankheit offen umzugehen. Um andere vielleicht davor zu bewahren. Wenn sie in die Klassen geht, verstellt sie sich nicht. Die Kids spüren das. So bekommt sie meist schnell einen guten Draht zu ihnen. Und es kommt von Herzen, wenn sie zum Abschluss sagt: „Ich bitte euch – macht nicht die die gleichen Fehler wie ich.“