Bissinger-Blog

4. September 2013

Weisch, was ä Giggli isch?

Der liebe Dialekt: Wie das ist, wenn man von weit her in die Ortenau zieht und erst einmal so gar nichts versteht – das beschreibt ein Kapitel aus meinem Buch „Um fünf am Stadtbuckel“. Auch im Podcast „Badnerlieb“ live gelesen.

Der Unterschied zwischen einem Tütchen und einer kleinen Geige

„Gell“, „weisch“ und „hesch“, so wird in Offenburg gesprochen. Pardon, dort wird „gebabbelt“.

Für aus dem Norden Zugezogene ist der badische Dialekt zuerst einmal ein Rätsel – je weiter entfernt ihre Herkunft ist, desto mehr. Was hatte die kleine Jule sich 1974 auf den Umzug nach Offenburg gefreut, als die Eltern der Neunjährigen verkündeten, es gehe vom kleinen Dorf in Ostwestfalen in die Stadt an der Kinzig. Ungeduldig fieberte sie dem neuen Leben entgegen, großartig malte sie sich alles aus.

Die Stadt gefiel ihr dann tatsächlich sehr, hier gab es viel zu entdecken. So hatte die Hauptstraße zwei richtig große Kirchen und, zwischen all den Fachwerkhäusern, ein modernes orangefarbenes Kaufhaus, wo es alles gab. Außerdem einen Aldi – so etwas hatte es auf dem Dorf nicht gegeben. Am Lindenplatz stand sie oft vor dem Schaufenster von Tante Roselies Spielwarenladen, in der Langestraße vor dem Tiergeschäft, in dem man Goldhamster, Vögel und Fische kaufen konnte. Vor den Toren der Stadt gab es einen Baggersee mit dem lustigen Namen „Gifiz“ zum Schwimmen. Alles war aufregend, neu und schön. Nur einen Haken hatte sie Sache – die Leute redeten so seltsam. „Wem g‘hörsch?“ fragte eine freundliche Dame auf der Straße, als sie sich eines Tages bei ihren Erkundungstouren verirrt hatte. Das Kind stand ratlos da, war es doch überzeugt, keine Sklavin zu sein. Dass die Frau nur nach seiner Familienzugehörigkeit gefragt hatte, ging ihm erst später auf.

1Giggle

Dies ist ein Tütchen, auf gut badisch „Giggli“

Am ersten Schultag erwartete Jule mit Freude ihre neuen Klassenkameraden. Sie kam in die vierte Klasse der Waldbachschule I. Schnell war der Kontakt zu den anderen Kindern hergestellt. Dennoch: Die Verständigung blieb schwierig. Manche Kinder hielten die „Neue“ für arrogant, weil sie Hochdeutsch sprach. Dabei konnte sie doch gar nichts anderes. In der großen Pause – sie hieß hier „Zehnerpause“ fragte ein anderes Kind: „Hebsch mol mei Veschber?“ Jule war stolz, das dargereichte Butterbrot als „Veschber“ erkannt zu haben. Dieses Wort hatte sie schon einmal gehört. Also nahm sie, etwas verwundert zwar, aber voller Vertrauen in die neue Welt und ihre seltsamen Gebräuche, das Brot und hob es über den Kopf. Das Gelächter rundum sagte ihr, dass hier etwas falsch gelaufen war. „Sollsch’s doch net lupfe!“ schrien die Kinder. Sie ließ sich belehren – aha, „heben“ hieß hier einfach nur „halten“! Wenn man etwas hochhebt, dann „lupfte“ man es. Und wenn etwas klebt, dann „beppt’s“.

Doch Jule lernte die neue „Fremdsprache“ schnell. Schon bald verstand sie Ausrücke wie „daheim gibt’s heut Bruddelsupp‘“, wenn jemand zu Hause Ärger erwartete, „lang mer mol de Luusreche“, wenn jemand einen Kamm verlangte, oder „des kannsch halde wie seller uff’m Dach“, wenn man machen oder denken konnte, was man wollte. Eine neue Bedeutung bekam das Wörtchen „als“: „Mir spiele als am Mühlbach“ bedeutete einfach: „Wir spielen da ab und zu“.

Sie erfuhr im Laufe der Jahre, dass eine Dachrinne „Dachkähner“ heißt, dass man es mit dem Akkusativ nicht so genau nimmt, indem man „ä scheener Dag“ wünscht, und dass man nicht irgendwo hin, sondern „anni“ geht. Naa, nuff, numm und nie geht es anstatt hinab, hinauf, herum und hinein. Der Landstreicher ist hier ein „Hamberle“, was sich doch viel netter anhört. Auch das „Muggeseggele“ klang in Jules Ohren wesentlich hübscher als die „Kleinigkeit“.

Und erst die kulinarischen Sprach-Reichtümer: Man isst keine Bratkartoffeln, sondern „Brägele“, am liebsten mit „Bibiliskäs“ statt Kräuterquark. Die Kirschen heißen „Griese“ oder „Tscherissili“, die Johannisbeeren nennt man „Hansdriwili“. Beim Bäcker gibt es „Kirschplotzer“ und „Datschkuchen“, beim Metzger für die Kinder „ä Rädle Wurschd“.

Jule versuchte also bei jeder Gelegenheit, „als mol d‘ Gosch z’halde“ und lieber „zuz‘horche, um ebbs z‘ lehre“, dabei kein „Dipfilisschisser“ zu sein, aber immer „wunderfitzig“ zu bleiben.

Dennoch kam es auch Jahre später, als sie sich längst in Offenburg und seinem Dialekt heimisch fühlte, immer wieder zu sprachlichen Überraschungen. So war sie glatt beleidigt, als ihr Schwarm in der siebten Klasse bewundernd zu ihr sagte: „Hesch du langi Fieß!“ Schuhgröße 36, war das etwa zu groß? Sie lernte, dass die Füße im Badischen bis zum Po reichen. Und auf die Frage einer Freundin: „Weisch, was ä Giggli isch?“ antwortete sie selbstsicher: „Aber klar, eine kleine Geige!“ Dass damit ein Tütchen gemeint war und dies die Verkleinerungsform von „Gugg“ ist, wer sollte darauf kommen? Denn die kleine Geige, die hätte „Giigli“ geheißen…

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